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Brigitte

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~ Wir in der Presse / Brigitte / TV (Trierischer Volksfreund) / Togo-presse #1 / Togo-presse #2 ~

 

Brigitte

 

Chefreporterin Meike Dinklage hat uns 2011 für eine Woche zusammen mit der Fotografin Anna Mutter besucht - im Februar 2012 erschien ein vier Seiten Artikel in der „Brigitte“. Ursprünglich hatte sie einen sechs Seiten Bericht vorgesehen, der aber aufgrund der Zusammenstellung des Februarheftes gekürzt werden musste. Wir haben sowohl die lange als auch die veröffentlichte Version hier eingestellt.

 

Meike und Anna haben die sieben Tage ihres Aufenthaltes eng mit uns verbracht. Wir waren uns einig, dass sie jederzeit freien Zugang (einschließlich zu unseren Privaträumen) haben sollten, um einen wirklich authentischen Bericht gestalten zu können. Anna hat in den sieben Tagen Togo mehr als 2500 Fotos von unserem Leben gemacht und Meike hat unzählige Einzel und Gemeinschaftsgespräche geführt. Wir hatten Vertrauen, dass sie unsere persönlichen Lebensgeschichten und Gefühle unverfälscht weitergibt und sie hat dieses Vertrauen bestätigt.



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Veröffentlichte Version der Brigitte Reportage



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Lange Version der Brigitte Reportage


Diese 14 Deutschen sind dabei, sich zu verwandeln: Von ganz normalen Leuten mit Job, Familie, Haus in ein Naturvolk.  Seit vier Jahren leben sie im Busch von Togo

 

In der Nacht, bevor es losging, hat Margot dann doch die Panik gepackt. Sie saß da mit ihren zwei Reisetaschen, die eine randvoll mit Baumwollwindeln, für die Kinder in Togo, und weil man Kräuter darin einwickeln kann und sich selbst zur Not daraus Slipeinlagen knoten. Und in der anderen die Sandkastenschaufel ihres dreijährigen Sohnes Matthis, ihre vier Lieblingsbücher und all ihre Jeans, weil sie ungern etwas anderes trägt. Den Rest sollte der Sperrmüll holen; Haus, Auto, Möbel, Geschirr, das alles hatten sie und ihr Mann Wolfgang schon vorher verkauft, verschenkt oder verbrannt. Und plötzlich dachte Margot, die noch nie in Afrika war, ich muss doch was in Sicherheit bringen, geht doch nicht, alles herzugeben, sein ganzes altes Leben.

Sie hat zwei Kartons genommen, Matthis Kinderbilder und die Familienalben hineingepackt und an ihren Schwager und ihre Schwester adressiert. „Dabei“, sagt Margot und lacht, heute, dreieinhalb Jahre später, wie sie so lacht, unbefangen und ehrlich, zwei Haarsträhnen hängen ihr ins Gesicht, „habe ich doch Matthis hier bei mir und die Bilder von ihm im Herzen. Wie ängstlich man war“, sagt sie. Wie beschränkt. An die Pakete hat sie danach nie mehr gedacht.

Es ist eine seltsame Geschichte, die Margot, 42, Verkäuferin aus Echternach bei Trier, nach Afrika gebracht hat. Es geht darin um den Versuch, so autark und naturverbunden zu leben wie nur eben möglich. Es geht um 14 Menschen, die ein Leben führen wollen, das von der Zivilisation nur das Gute bewahrt, die Werte: Zusammenhalt, Respekt, Verantwortung. Aber der ganze andere Krempel: Druck, Wohlstand, Müll, Shoppen, Karriere, Ehec, Kernkraft, Facebook, der fällt weg. Es soll eine Rückverwandlung sein, in eine Gemeinschaft und einen Zustand, den es auf dieser Welt fast nicht mehr gibt: den eines Naturvolks.

Sie glaubten, dass das geht. Sie wollten es versuchen.

Margot Geschichte beginnt im Jahr 2000, in der Eifel, im Haus von Jürgen Hummes, einem einfachen Mann, gelernter Handwerker, der in einer alten Bauernkate ohne Strom und Wasser am Rand des Dorfes Altscheid wohnt. Margot hatte von ihrer Schwägerin gehört, der Mann könne heilen. Und weil sie seit ihrer Kindheit gegen fast alles allergisch war, vor allem gegen Tierhaare, fuhr sie zu ihm. Jürgen schaute sie an, ging in Trance und sagte: „Da lastet ein Fluch auf dir, jemand hat deiner Mutter die späte Schwangerschaft nicht gegönnt.“ Margot fragte ihre Mutter, die wusste gleich, um wen es ging. Margot nahm die Kräutermixtur und sagte die Gebete, die Jürgen ihr zur Reinigung gegeben hatte, und nach zwei Wochen bekam sie tatsächlich besser Luft. Sie überredete ihren Mann Wolfgang, der erst dachte, seine Frau sei verrückt geworden, auch zu dem Schamanen zu gehen; Wolfgang war LKW-Fahrer und gegen seine Bandscheibenprobleme wirkte kein Coritson mehr, und Jürgen half auch ihm.

Danach wollten Wolfgang und Margot ihr altes Leben nicht mehr, den Gleichmut, die Gewohnheiten, Wolfgang den Fußball, das Bier, Margot das Schwarzsehen, daran hatte sie immer gelitten, und dass sie nicht wusste, zu was das Leben eigentlich gut sein soll. Sie fuhren jedes Wochenende in die Eifel, meditierten mit Jürgen, er sagte: „Ich kann eure Heilung nur einleiten, ihr musst selber an euch arbeiten, hört in euch hinein, jedes Gefühl ist eine Botschaft der Seele“. Sie gingen mit ihm und seinen Gruppen auf Naturgeistwanderungen in der Eifel, Jürgen zeigte ihnen, welcher Stein und welche Pflanze heilen können, erklärte ihnen, er könne Erdgeister wahrnehmen, gute Geister, die den Menschen helfen wollten. Sie stellten sich unter Bäume und lernten, die Schöpfung am eigenen Körper zu fühlen. Und als Matthis auf die Welt kam, da zeigte Jürgen ihnen, wo das Kinderbett stehen müsse, damit Matthis ruhiger schlief, weil da, wo sie es aufgestellt hatten, früher ein Stall war, in dem Vieh geschlachtet wurde, und die Dämonen trieben sich noch immer dort herum.

2006 zogen Margot und Wolfgang mit Jürgen, seiner Familie und zwei Dutzend anderen in eine leerstehende Jugendherberge im Schwarzwald, dem Heidehaus. Alles Leute, die merkten, dass sie dasselbe wollten: im Einklang mit der Natur leben, ganz und gar, vegetarisch, alternativ, mit eigener Bio-Landwirtschaft und Kräutermedizin, inmitten der Schöpfung. 

Aber sie merkten auch die Beschränkungen, sie merkten, dass das Zipfelchen Grün, das sie zu fassen hatten, nicht reichte, um den Geist der Natur ganz zu erfassen. Die Forstbehörden mähten die Heilkräuter am Rand der Waldwege nieder. Das Gartenbauamt verbot großflächigen Gemüseanbau zum Eigenbedarf. Und Jürgen merkte, dass man mit Naturwanderungen nur die verändert, die ohnehin dabei sind, aber kein ganzes Land, auch nicht mit Bachpatenschaften und Heiler-Sitzungen, die für manche Leute nur den Arzt ersetzten, dabei soll seine Medizin doch den ganzen Menschen verändern.

Was hilft es, wenn man die Schöpfung achtet, aber der Nachbar spritzt die Himbeerhecke mit Pestiziden? In Deutschland kann man an der Natur nicht mehr gesunden. Die Feen verlassen den Wald. 

Schon eine Weile hatten sie überlegt, wegzugehen. Paraguay war mal im Gespäch, an Afrika dachte niemand. Dann, im Juni 2007, kam Jürgen kam aus seiner Meditation und sagte: „Ich habe einen Berg gesehen. Es ist Togo.” Sie haben dann im Heidehaus einen alten Diercke-Atlas aufgeschlagen und auf der Afrika-Karte nachgesehen, wo Togo eigentlich liegt.  

Togo: Ein schmaler Streifen in Westafrika zwischen Ghana und dem Benin. Unter den zehn ärmsten Ländern der Welt, jedes fünfte Kind erreicht das 6. Lebensjahr nicht. Malaria ist der häufigste Grund dafür, dazu unreines Wasser, Typhus. Es gibt Christen und Moslems; Voodoo ist der verbreitetste Glaube.

Fast alle Leute aus dem Heidehaus wollten mit. Aber Jürgen sagte: Ich brauche Schwimmer. Die, die nur am spirituellen Weg interessiert sind, können nicht mit. Nur die, die fit sind und kräftig, weil der Aufbau einer neuen Welt heißt, zuzupacken und robust zu sein gegen Hitze und Krankheiten und Durststrecken. Einigen musste er sagen: Du nicht.

Dann stand die Gruppe fest. Gabi, 54, Jürgens Frau, Arzthelferin. Ihre drei Söhne, Boris, Bastian und Sven, zwischen 23 und 28, alle drei Handwerker, Zupacker, von der Art, die alles gebaut und zum laufen kriegen. Ihre Frauen: Vanessa, 29, Kathi, 26, Anna, die jüngste, 20, Annas Mutter und ihr Bruder. Margot, Wolfgang und Matthis. Nadine, 33, Krankenschwester, ihr Freund Markus. Tamara, 35, Physiotherapeutin, ihr Freund Matthias. Simone, 39, Lehrerin, Mario, 53, Kunstmaler.

Margot sagt: „Wir haben alle gefühlt, dass es richtig ist. Hätte nur einer von uns gezweifelt, wären wir nicht gegangen.“

Dreieinhalb Jahre ist das her.

Vielleicht hat der Busch sie verändert, sie körperlich ausgezehrt und hart gemacht. Sowas geht einem durch den Kopf, wenn man in Togos Hauptstadt Lomé aus dem Flugzeug steigt. Vielleicht leben sie längst nach ihren eigenen Gesetzen. Wer weiß, ob sie sich noch verstehen, im RTL-Dschungelcamp dauert es keine drei Tage, bis der Anstand fällt, und diese 14 sind Jahre fort. Die Abkehr von der Zivilisation kann ja auch den Zivilisationsbruch bedeuten. 

Drei, vier Mails hatte Nadine geschrieben, immer dann, wenn das Wetter gut war und der Wind günstig stand, nur dann haben sie an einer Stelle am Hang Internet-Empfang. Die Mails klangen freundlich, offen, aber sie ließen auch viele Fragen offen. Wie lebt ihr? Wie kommt ihr zurecht? – „Kommt erst mal“, schrieb Nadine, „ihr werdet es sehen, wenn ihr hier seid“. 

Und dann stehen da Simone und Bastian am Flughafen, mit roten Wangen vor Hitze und Freude, in ausgeblichenen T-Shirts und Shorts, winken und lachen, weil man nicht gleich auf sie zusteuert, weil sie zu normal aussehen für Leute aus dem Busch. Sie fragen, wie es geht, nach dem Flug, aber nicht nach Deutschland. Sie wollen wissen, ob man die Eier mitgebracht hat, die sie sich gewünscht hatten, sie wollten befruchtete Eier von einer alten deutschen Hühnerrasse, um sie mit einer afrikanischen Rasse zu kreuzen, damit sich das Beste verbindet, deutsche Legefreudigkeit und afrikanische Zähigkeit, eine neue Rasse. Aber die Airline wollte sie nicht im Handgepäck zulassen, sie fanden die Fracht verdächtig, wie soll man erklären, wozu ein paar Deutsche im Busch Hühnereier brauchen? Simone sagt: Okay, gut zu wissen, dann suchen wir eine andere Lösung.

Fünf Stunden dauert die Fahrt, 180 Kilometer nach Norden, zuletzt geht es nur noch über Pisten. Sie erzählen die ganze Zeit, davon, wie sie selbst ankamen, aus dem Nichts begannen, ihr Dorf zu bauen, dort, wo Jürgen ihren Ort gefunden hatte: Akposso, den Berg der guten Geister.

Jürgen war als erster geflogen, am 1. September 2007. Er hatte ein Auto gemietet, war einfach losgefahren auf der Suche nach einem Ort, an dem es sich genau so anfühlte wie in seiner Meditation.

Dann kam er zum Akposso-Hochplateau, 29 Hektar groß, ein wucherndes Dickicht, Land im Dornröschenschlaf. Und Jürgen wusste, hier ist es. Er bezahlte zwei Jungs, damit sie mit ihren Macheten eine Schneise in den Busch schlagen, holte die Chefs der umliegenden Dörfer zusammen, kleine Dörfer, gebaut auf rotem Lehmboden, jedes mit einer Schule, einer kleinen Krankenstation und mehreren Kirchen und Moscheen.

Jürgen erklärte, er wolle auf den Berg ziehen und auch etwas für die Leute in der Region tun, Naturmedizin, Seelenreinigung, er musste nicht viel erklären in einem magiegläubigen Land. Die Dorfchefs holten die sieben Dorfältesten zusammen, die stimmten zu, gaben dem Ort den Namen Eteka-Dja, was so viel heißt wie ein Ort, an dem Heilung zu finden ist. Sie machten einen Pachtvertrag auf 30 Jahre, unbegrenzt verlängerbar, Jürgen wollte das Land nur nutzen, nicht besitzen, einen heiligen Ort kann man nicht kaufen. Er rief die anderen an, ihr könnt kommen. 

In Deutschland machten sie alles zu Geld, Versicherungen, Autos, Häuser, Rücklagen. Anna verkaufte ihre E-Gitarre, Matthis auf dem Flohmarkt seinen Spielzeugtraktor, „damit wir uns die Reise nach Afrika leisten können“, hat Margot ihm erklärt. Einen Teil des Geldes legten sie gemeinsam an, um mit den Zinsen ihre Grundversorgung zu sichern und die der Waisenkinder, die sie bei sich aufnehmen wollten. Geld, das sie nur brauchen wollten, bis sie ganz autark leben würden. 

Sie standen am Flughafen, Oktober 2007,  am Schalter der Air Maroc, Frankfurt-Lomé, einfacher Flug. Jeder mit nur zwei Taschen, das war so abgesprochen. Sie wussten nicht, was sie erwartet. Nur zwei von ihnen waren zuvor in Afrika gewesen. Margot dachte, wahrscheinlich leben wir in einer Rundhütte. 

Dreieinhalb Jahre seither.

Einer ist gestorben, erst eine Malaria, dann machte das Herz nicht mehr mit. Sie haben ihn unten am Berg begraben. Fünf gingen zurück, die viele Arbeit, und weil alte Bindungen stärker waren. Eine von ihnen, Eisabeth, ist inzwischen wieder da, erstmal für ein Jahr.  Die anderen blieben. Kathi und Anna haben Kinder bekommen, alle zusammen haben sie 17 Waisenkinder bei sich aufgenommen. 20 Kinder, 14 Erwachsene.  Das ist ihre Kolonie. Ihre Arche.

Es gibt Willkommens-Kakao aus selbst fermentierten Bohnen und Napfkuchen, den Gabi gebacken hat. Alle haben ihre Arbeit unterbrochen, sitzen im offenen Vorraum der Krankenstation im Kreis, Schweiß und Staub im Gesicht. Sie tragen ihre Klamotten auf, Hosen, Shirts, lädiert vom Rubbeln auf dem Waschbrett, ihre Trekking-Sandalen, mit denen sie damals schon in der Eifel gewandert sind. Margot ihre Jeans. Wolfgang ein buntes afrikansisches Hemd, Jochens Söhne T-Shirts aus einer Kleiderspende, „Niedersächsisches Turnfest 2008“ steht darauf. Annas Buggy Pants halten nur noch Fäden, Marios Falke-Wandersocken hängen wie Gamaschen über seinen Füßen, weil die Sohlen ganz durchgelaufen sind. Nur Nadine und Tamara, die Jürgen auf der Krankenstation helfen, tragen blütenweiße Shirts.  

Zivilisation bröckelt langsamer, als man denkt, selbst im Busch. Man stampft sie nicht über dem offenen Feuer zu Brei wie Hirse. Man arbeitet sie sich nicht ab, auch wenn man den ganzen Tag auf dem Feld ist. Man schwitzt sie nicht aus wie das Fieber einer Malaria. Sie geht nicht weg, nur weil man nichts mehr von ihr hört, nicht weiß, was eine App ist oder ein Wutbürger. Zivilisation ist hartnäckiger als man denkt, sie wird nur unwichtiger, in dem Maße, wie das Vertrauen in die Natur wächst, die es gut mit den Menschen meint, dass nichts passiert, wenn Eon und Lynn im Staub spielen und die Ameisen sie pieksen. Schöpfung, sagT Jürgen, das reine Leben, das niemandem weh tut.

Jürgen ist kein Charismatiker, keiner, bei dem man die Luft anhält, weil irgendetwas Heiliges im Raum läge. Er spricht mit rheinischem Akzent und Joschka-Fischer-Stimme, er war Weber, Forstarbeiter, Stahlbetonbauer, ein einfacher Mann, den ein wundersames Schicksal zu einer Art Anführer gemacht hat: Mit 28 wurde er krank, arbeitsunfähig, eine Borreliose, die kein Arzt erkannte. 14 Jahre hatte er Schmerzschübe. Die Familie lebte aus er Not heraus als Selbstversorger, so gut es ging, Außenseiter, beschäftigten sich mit Kräutermedizin, machten eine Töpferei auf. Dann, eines Tages, ging Jürgen mit seinem Hund in den Wald, der schnüffelte komisch, und plötzlich stand da eine riesige Fee und warf Jürgen einen Ball zu, er fing ihn auf und sie spielten ein paar Minuten. Jürgen ging heim und sagte zu Gabi: „Jetzt bin ich völlig übergeschnappt.“

Aber Gabi glaubte ihm sofort. Er sah dieses Wald-Wesen wieder, hörte auf, sich zu wundern, fing an, den Kontakt zu suchen, ließ sich von den Feen und Zwergen und Naturgeistern Heilrezepte geben, konnte bald in der Meditation direkt mit ihnen reden und sich mit den Kräutern, die sie ihm nannten, selber heilen. Seit zwölf Jahren ist er jetzt fast ohne Schmerzen. Er lernte, auch anderen zu helfen, das sprach sich herum, und irgendwann hielten große Autos mit Kennzeichen aus ganz Deutschland vor dem Haus ohne Strom am Dorfrand in der Eifel, und die Nachbarn haben geguckt, wie da die Reichen bei Hummes ein und aus gingen. 8000 Leute, sagt Jürgen, hat er in den zehn Jahren vor Togo behandelt. Und sein Wissen wurde eine ganze Lehre, „ich erhielt immer mehr Informationen“, so sagt er das. Und irgendwann sagten ihm die Geister: Es ist besser, ihr geht woanders hin,  damit du alles verstehen kannst.

Jürgen sagt: „Ich sehe mich als Radio, ich empfange ständig, jeder kann entscheiden, ob er mir zuhören will. Aber ich empfange trotzdem.“ Besser hier in Togo, weil kein Elektrosmog, keine Handys stören. Togo ist nur der Name des Landes, in dem der Ort liegt, an dem sie leben sollen. Aber die Schöpfung ist universell, und als es letztes Jahr an einem Hang ihres Berges brannte, da haben sie Wasser in die noch rauchenden Baumstümpfe gekippt, um den Bäumen die Schmerzen zu nehmen. Und den Togolesen, die mit ihren Macheten gegen die Stämme der Mangobäume schlagen, weil sie glauben, dann trage der Baum mehr Früchte, denen sagen sie: Lasst das. Und tötet auch nicht die Giftschlangen, nehmt einen Sack, legt sie hinein, tragt sie vom Hof. 

Sie wohnen in kleinen erdroten Häusern, ein Haus pro Familie, dazwischen die Hütten der Kinder, immer vier Kinder in einer, auch Matthis wohnt mit den togolesischen Kindern. Abends gehen die Erwachsenen von Hütte zu Hütte und knuddeln mit den Kindern. Jedes Haus ist 16 Quadratmeter groß, die Betten mit Moskitonetzen überzogen, dazu ein paar Regale. Die Klamotten hängen über dem Bettpfosten, wenn es draußen feucht ist, dann kommen die Ameisen und Mäuse und knabbern alles an. 

Es sind bescheidene Häuser, wenn man auf 29 Hektar bauen kann, aber sie brauchten anfangs erstmal Unterkünfte, um von da weiterzumachen, immer größer, besser zu bauen: die Schule, die Schneiderei, Schreinerei, Werkstatt, Käserei, Lagerraume, Kuh-, Schaf- und Hühnerställe, Pferdeboxen, Komposttoiletten, die Krankenstation mit Kräuterküche und Behandlungsraum. Unterhalb des Dorfes die Gästehäuser, zwei dutzend Hütten in drei Reihen, dazu das große Restaurant mit lederbezogenen Bänken, für Leute aus den Dörfern, Reisende oder Kunden aus der Stadt, die ihren Kräuterlikör kaufen, den sie mit Kaffee- oder Maracuja-Geschmack brauen und bis Lomé verkaufen. Es gibt einen Grillplatz unter dem riesigen Mangobaum, Bänke im Kreis darunter, sonntags kochen die Kinder da Foufou für alle, einen Brei aus Maniok und Kochbananen, und alle sitzen zusammen, essen mit den Fingern, reden durcheinander, lachen, halten die Kinder im Arm. Die Kinder kommen aus ganz Togo, bei einigen kamen die Verwandten zu ihnen ins Dorf und baten sie, sie aufzunehmen, bei anderen vermittelten die staatlichen Waisenhäuser. Als sie die Kinder abholten, sagten sie den Verwandten und Betreuern, gebt ihnen etwas  Wertvolles mit, zum Festhalten. Ein Mädchen hielt tagelang ein Taschentuch und lutschte daran, Magrot sah nach, was darin war, es war ein Brocken rohes Fleisch.

14 Deutsche, seit fast vier Jahren zusammen im Busch von Togo. Pausenlose harte Arbeit. An manchen Tagen hatten sie über hundert Arbeiter da. Sie bauten in deutschem Tempo, und wenn die Arbeiter zu spät kamen, dann erklärten sie ihnen, dass sieben Uhr nicht 7.10 Uhr bedeutet. Aussteigen heißt ja nicht, sich Zeit zu lassen. „Naturvölker kennen keine Freizeit“, sagt Jürgen. „Da hat jeder seine Aufgabe. Alle arbeiten immer.“

Aber das einfache Leben heißt nicht, auch zu leben wie die Afrikaner, „wir sind nicht dafür gemacht“, sagt Jürgen. „Wir brauchen eine gesunde Schlafhütte, Hygiene ist wichtig. Wir haben das Quellwasser analysieren lassen, bevor wir es getrunken haben. Manchmal kommen Europäer hierher, die ein paar Wochen authentisch gelebt haben, in den Hütten, mit den Einheimischen, die sind schwer krank, Malaria, Keime, wenn wir leben wie die Afrikaner gehen wir drauf.“ 

Noch nutzen sie die Technik, erlauben sich Kompromisse. Wie jeder in Deutschland, der Bio kauft und manchmal einen Burger. Sie sind ja keine Sekte, kein Kloster, sich nicht selbst genug, denn dann wäre das Ende ihrer Gemeinschaft biologisch. Sie wollen wachsen, wirken, sie nutzen Diesenaggregate, Mischmaschinen, ein Auto, Wasser in Plastikflaschen, einen Computer. Sie sagen: Wir müssen das machen, um das neue Leben einzuleiten, uns auf den Weg zu bringen. Wir nutzen die Hilfsmittel nur, bis wir sie nicht mehr brauchen. Wir bauen sie ab, Stück für Stück. Das Auto nur, bis wir genug Pferde gezüchtet haben, dann reiten wir, fahren im Gespann. Die Aggregate, bis das Windkraftrad funktioniert. Die Stoffe, die wir noch auf dem Markt kaufen, bis wir alles selbst weben. Die in Deutschland bestellten Heilkräuter, bis für alle Kräuter, die wir brauchen, einheimischer Ersatz gefunden ist. Die Plastikflaschen sind nur für Gäste, weil die das Wasser aus der Quelle krank macht. Den Kraftstoff bauen wir bald selbst an, unsere Selbstversorger-Rate steigt von Jahr zu Jahr, wir pflanzen Jatropha, einen Wolfsmilch-Baum an, aus den Samen pressen wir Öl, die Pressabfälle sind guter Dünger, die Blätter gut als biologische Pestizide gegen Milben, und wenn man sie zu Pulver hackt, kann man damit die Tiere damit bestäuben, 25 Schafe, 17 Stuten, vier Ziegen, acht Mutterkühe, ein Kalb, ein Stier, 110 Hühner, acht Puten, ein Hahn. Drei Hunde, nicht die, die sie mitbrachten, ihre Hunde sind ihnen alle gestorben. 

Sie sind dazwischen. Boris sagt: „Wenn wir auf die Maschinen verzichten würden, würden wir den ganzen Tag nichts anderes machen als Getreide mahlen, weben, alles zu Fuß transportieren. Wir arbeiten sieben Tage die Woche. Mehr geht nicht. Für ein Leben ohne Hilfsmittel sind wir zu viele. “ 

Sie stehen im Dunklen auf, kurz nach vier, waschen sich mit dem kalten Wasser aus dem Brunnen, das sie sich mit Kalebassen über den Körper schaufeln. Dann gehen sie schweigend den Berg hinauf, jeder trägt eine Petroleumlampe, die gerade eine Schrittlänge ausleuchtet. An den Ställen vorbei, wo die Pferde und Kühe schlafen, und an den festungsgroßen Termitenhügeln. Hinauf zum Brunnen, in dessen Becken Heilsteine in Zement gegossen sind, der ganze Brunnen eine bunte, im Mondlicht funkelnde Skulptur. Sie tauchen ihre Hände kurz ein, dann gehen sie den letzten Weg hoch zum Meditationshaus, das auf dem Hochplateau steht, eine Art Tempel, groß und innen warm und hell, mit gelbem Teppichboden, am Eingang das Schöpfungssymbol als Mosaik, an den Seiten riesige Bilder, die Mario gemalt hat, mit Planetenkontellationen wie aus einem Fantasy-Comic. Vorn ein Stäbchenparkett, jedes Stäbchen von Hand geschnitten, darauf nehmen sie Platz. Jürgen sitzt schon da und meditiert, Gabi an seiner Seite. Sie sitzen schweigend, am Ende umarmen sie sich.

Wenn sie wieder heraustreten, ist die Sonne aufgegangen und man kann fast bis zum Voltasee sehen. 

Dann beginnt die Arbeit, in der Küche, der Schule, beim Vieh, auf dem Feld, in der Krankenstation, in den Dörfern, wo sie beim Schulbau helfen. Jeder hat seine Aufgabe. Wolfgang, Bastian und seine Brüder das Bauen. Kathi und Anna die Heilkräuter. Sie pflücken sie auf dem Berg, sie haben die ganze Medizin vor der Haustür. Manchmal fragen sie die Leute in den Dörfern, wofür sie die Kräuter benutzen. Manchmal sagt es auch der Name: Kopfschmerzbaum oder Malariasalat. Wenn Kathi ein interessantes Blatt sieht, zeigt sie es Jürgen, der dann spürt, wogegen es wirkt. Er sagt, er weiß es in Sekunden, und wenn er einen Patienten sieht, dann spürt er, wie für ihn die Kräuter zusammengehören.

Ein-, zweimal in der Woche laden sie den Jeep voll Medizin und fahren in die zwei, drei Stunden entfernten Dörfer. Manchmal müssen sie die Pisten in die Orte suchen; wenn die Bewohner die Wege zur Hauptstraße freigeschlagen haben, sind sie ein halbes Jahr später wieder zugewuchert.

Sie schlagen zwei Stühle und einen Klapptisch unter einem Baum auf dem Dorfplatz auf, lassen die Heckklappe des Jeeps herunter und warten. Nadine ist dabei, die Krankenschwester, sie übersetzt für Jürgen. Bastian ist der Fahrer. Sie fragen nach den Kranken, manchmal haben sie im Vorfeld von einem kranken Kind gehört und fahren gezielt in dieses Dorf. 

Im Dorf Agotime Doumè  soll ein Kind Malaria haben, sie fragen die Leute,  die nicken, sie deuten aufs Feld. Es ist Erntezeit, die Kinder müssen auf den Feldern arbeiten, Maniok ernten, auch wenn sie krank sind. Jürgen hält sich zurück, am liebsten möchte er schimpfen, dass die Kinder den Leuten so wenig wert sind.

Dabei verkaufen sie die Naturmedizin billig, auch gegen Früchte. Zwei Frauen legen Bananenstauden und eine Kiepe mit Avokados vor dem Tisch ab, die eine hat Bandscheibenprobleme, Folge der Wasserkrüge, die sie auf dem Kopf trägt, seit sie vier ist, das staucht die Wirbelsäule. Die andere hat gerade eine Typhus-Erkrankung überstanden. Jürgen überlegt, welche Medizin am wichtigsten ist, sie können nicht alles bezahlen, Bananen und Avokados sind wenig wert, aber dann gibt er ihnen doch die meisten Flaschen gratis.

Dann kommt ein älterer Mann zu ihnen an den Tisch, zieht seine Tochter neben sich auf den Stuhl. Sie ist 21, trägt ein rotes T-Shirt und hat die Haare in kleine dünne Zöpfe geflochten. Sie sagt kein Wort, der Vater erklärt, sie höre zeitweilig nichts, früher habe sie epileptische Anfälle gehabt. Sie soll heiraten, sagt der Vater. Aber wer will eine kranke Braut.

Jürgen misst den Puls, nur zum Schein, die Leute sollen glauben, dass er noch das Messbare für seine Diagnose braucht, dabei kriegt er seine Informationen durch eine kurze Konzentration auf die junge Frau. Wenn er es erklären soll, dann kann er nur sagen, dass er die Energie der Menschen in Farben sieht, das Chaos, die Disharmonien. Er kann diese Energien gedanklich befragen, alles durchgehen, Drüsen, Magen, Bakterien, und er weiß dann, spürt einfach: stimmt, stimmt nicht. Bei der jungen Frau ist es eine Blockade der Halswirbelsäule, sagt Jürgen. Und  Voodoo, seit dem dritten, vierten Lebensjahr. Der Vater nickt. Er fragt: „Von wem?“ – „Eine weibliche Person“, sagt Jürgen, mehr nicht, er kennt das schon, die Leute wollen immer wissen, wer den Fluch geschickt hat, sie gehen dann zum Fetischeur und verfluchen den Absender. „Deine Tochter muss zu uns auf den Berg kommen, ich muss ihren Fluch auflösen”, sagt Jürgen. „es reicht nicht, ihn nur zurückzuschicken“, sagt er dem Vater. Der Vater nickt.

Nicht alles können sie mit den 400 Pflanzen und pulverisierten Heilsteinen heilen, die sie in ihrer Kräuterküche aufbewahren. Jürgen hat auch eine Lizenz, chemische Mittel einzusetzen – als er sah, wie viele Sterbenskranke zu seiner Krankenstation kamen, hat er sich bei der togolesischen Ärztekammer darum beworben, weil man eine fortgeschrittene Malaria nicht mit Kräutermedizin eindämmen kann.

Jeder hat seine Aufgabe. Tamara und Nadine helfen Jürgen mit den Kranken – zur Zeit kommen nur wenige, die Leute sind noch in der Kaffeeernte, das Kranksein sparen sie sich auf für die Regenzeit, dann ist auch die Ernte verkauft und Geld da. Mario arbeitet an der Internet-Seite, Simone unterrichtet die Kinder oder verhandelt mit den Dorfchefs, dass sie die Kinder aus den Dörfern zur Nachhilfe zu ihnen schicken. Vanessa ist bei den Tieren. Margot und Gabi kochen, sie machen Foufou oder Pizza mit Käse, der salzig schmeckt, weil sie das Lab aus Sodomapfel oder Kronenblumen gewinnen.

Nicht ein böses Wort. Keine Egos, die konkurrieren, keine Zwietracht, kein Unfriede, kein Neid. Reine, klare Augen. Man wird sich selbst wertvoller, wenn nichts mehr selbstverständlich ist. Man nimmt sich wichtiger.   

Wenn es mal knallt, dann am ehesten zwischen Tamara und Nadine, weil Tamara zum Beispiel findet, dass Nadine ihr zu resolut Anweisungen gibt. Tamara sagt: „Ohne den spirituellen Aspekt würden wir uns meiden“, Nadine nickt. Es knallt, und dann gehen sie eine Stunde auf den Mediweg, ein Pfad, der wie eine lose Schlinge um den Berg liegt, Medi steht für Meditation und Medizin. Jürgen sagt, der Berg sei „wie ein Rücklicht im Novembernebel“, wenn man seinen Wegen aufmerksam folgt, dann führt er durchs Leben. Die Wege reinigen, der Rauchquarz im Inneren des Berges hilft dabei. Nadine, die einen indischen Vater hat, steht dann unter einem Baum wie eine Elfe, die langen braunen Haare im Wind, und Tamara geht langsam und horchend den Berg hinauf.

Es braucht eine Weile, bis man es zusammenkriegt: diese freien, bodenständigen Menschen und ihr Glaube an eine Lehre, die verrückt klingt, weil sie von Naturgeistern, Transformation und Seelenläuterung handelt. Dabei wäre alles auch mit andern Vokabeln benennbar und viel eingängiger, würden sie über Chakren, das tibetische Weltenrad oder die Kraft den lieben Gottes reden. Wenn man genau hinhört, dann liegt in ihrem Weltbild eine Botschaft, die alle spirituellen Richtungen verbindet: von dem Guten, das man tut und das erst uns selbst und dann die Welt verändert. Und dass man sich selbst tief erforschen muss, leer werden wie die Buddhisten, redlich wie die Christen, um zu merken, welchen Platz man in der Welt hat. In der Welt der Gruppe ist es die Schöpfung, die Energie der Natur. Über sie verbindet sich der Wunsch nach dem einfachen Leben mit der Erforschung und Reinigung der eigenen Seele. 

Aber wenn ein erwachsener Mann von Feen und Zwergen spricht, dann klingt es komisch, ein Mann, der ohne Beweis dasteht, weil ja nur er die Geister hört, hätte nicht Recht, wer heilt.

Nadine sagt: „Ich war im indischen Ashram, ich kenne die Philosophie der Aboriginies, den Hinduismus, ich war überall auf der Welt. Und bei diesem Mann in der Eifel wusste ich: Es ist richtig. Ich habe immer den Sinn des Lebens gesucht, hier habe ich ihn gefunden.“ Sie sagt: „Ich bin hier so glücklich wie nie.“ Sie ist geblieben, obwohl ihr Freund vor zwei Jahren ging. Sie hat ihr Handy abgeschafft, alle wollten wissen, wie es ihr geht, es kam ihr vor, als wollten alle sie festhalten. 

Nadine redet zügig und klar, ihre Gedanken sind wie ihre Bewegungen ohne jede Irritation. Sie trägt Blusen und weite Hosen, die ihr etwas Mädchenhaftes geben. Als sie nicht mehr weiter wusste, mit 25,  als Krankenschwester in einer Hamburger Klinik und umgeben von Ärzten, die sie oft verzweifelt sah und ohne Antworten auf die Fragen, die Krankheit und Tod an sie stellten, reiste sie durch die Welt und kam in Indien an, umgetrieben von der Frage nach dem Sinn ihrer Existenz.

In Kalkutta bekam sie Unterleibsschmerzen, Aryurveda, Anibiotika, nichts half, ein Jahr lang wurde es schlimmer, sie flog zurück nach Deutschland, halb tot vor Schmerzen, vom Flughafen fuhr sie direkt in die Klinik. Dort wollte man ihre Gebärmutter entfernen, aber ein Freund aus der Eifel brachte Nadine zu Jürgen, der mit einer Haarsträhne von ihr, ihrem Namen und dem Geburtsdatum eine Anaylse machte und ihr sagte, welche Signale ihre Seele ihr mit dieser Krankheit schickte. Sie müsse fühlen, ob das stimme, und Nadine fand „ja“.  Sie stützt den Kopf auf, als sie das erzählt, sie lächelt, „Jürgen konnte genau erklären, warum ich diese Krankheit habe. Er wusste Dinge, die er nicht wissen konnte. Das klingt jetzt komisch“, sagt sie, „ich hätte vor ein paar Jahren ja auch gesagt, das ist ballaballa, aber für mich war klar, dass seine Antworten die Antworten anderer Wesen sind, die durch ihn sprechen.“

Er behandelte sie mit Ananas-Enzymen und Propolis, einem Honigprodukt, und vielen Energieübetragungen, es war Nadines erste spirituelle Erahrung und nach drei Wochen war sie so gut wie schmerzfrei. Es gab keinen Grund, weiter zu Jürgen zu gehen, sie zog zurück nach Hamburg, aber dann setzte ein, was alle in der Gruppe so oder so ähnlich erzählen: Sie fuhr einmal im Monat zu den Meditationen hin. Dann öfter. Nahm an den Naturwanderungen teil. Fünf Jahre, dann war sie fester Teil der Gruppe. „Wir sind da zusammen reingewachsen“, sagt sie. „Alle, wie wir hier sind. Das war auch wichtig – geh mal als Gruppe in ein fremdes Land.“

Jeder hat etwas überwunden. Die Trauer um den Vater wie Tamara, Stagnation nach Jahren in einem indischen Ashram wie Mario. Paranoia, wie Kathi, die mit 17 während ihrer Prüfung zur Industriekauffrau auf einmal schwarze Männchen sah. Arbeitslosigkeit wie Vanessa, ein Familiendrama wie Anna, die Jüngste, die ein rundes Kindergesicht hat und sich gern hinter ihren blonden Haaren versteckt, sie verlor mit 15 den Boden unter den Füßen nach der Trennung der Eltern. So lernten sie Jürgens Söhne kennen, die schon gezielt nach Frauen geschaut hatten, die mit dem Schamanismus etwas anfangen konnten. Wenn man sie fragt, warum sie sich gut verstehen, sehen sich die Jungs ratlos an, genau wie auf die Frage, ob es nicht komisch ist, wenn der eigene Vater als Heiler verwehrt wird. Sie sagen, sie finden es normal, die ganze Familie habe immer zusammengehalten – vielleicht, weil sie immer arm und anders waren.

Und Afrika? Große Freiheit, sagt Boris, und dass er erleichtert war, als er das hörte: Sie könnten bauen, worauf sie Lust haben. Er las ein Buch über „Vergessene Erfindungen“, darin fand er den Widder, ein Pumpensystem, das durch die eigene Fließkraft des Quellwassers betrieben wird. Er baute drei Pumpstationen am Hang, schweißte sich die Schlagventile aus Altmetall. Er weiß, wie man es schafft, dass Technik ihre Kraft aus sich selbst herausholt. Das ist gute Technik. Der Widder liefert jetzt sieben Liter Wasser pro Minute und sein Schlag, das Stoßen, ist wie der hörbare Puls des Berges, mit dem sich die Energie der Natur mit stetem Schlag nach außen gräbt. Das Leben im Berg, das vor allem Jürgen fühlt, wird hier sichtbar für alle. Und Boris, der sich auskennt mit den Elementen, der weiß, wie man sich die kraft der Natur nutzbar macht; Boris der Erfinder, Tüfftler, kann diese Kraft kanalisieren.

Abends sitzen sie zusammen im Restaurant, ein Kreis von Idealisten, die Gesichter ausgeleuchet im Schein der Petroleum-Lampen. Ein Gast ist da, Victor aus Guatemala, sie setzen sie sich dazu, lassen sich erzählen aus seinem Leben mit einem fast aufgewühlten Interesse, und doch bleibt das Erzählte, die andere Welt, draußen. Jürgen ist der, der am meisten redet, Gabi nickt, es wird schnell eine Predigt, die anderen hören zu, als würden sie auch hier und jetzt von ihm lernen. Sie diskutieren, wohin die Zivilisation steuert und ihr Leben als Naturvolk, Jürgens Augen schauen groß, durch die Brillengläser geweitet. Wozu Zivilisation, sagt Jürgen, was hat sie uns gebracht? Die Kinder vorm Computer, Häuser ohne Schornsteine, wenn alles zusammenbricht, können die Leute nicht mal ihre Möbel verheizen.

„Welches Leben wollt ihr?“, fragt Jürgen am Schluss, „ihr müsst euch entscheiden. Wenn ihr Kirschen wollt, aber euer Garten ist so klein, dass der Baum ihn verdunkelt, müsst ihr entscheiden: Wollt ihr die Kirschen oder die Sonne? Beides geht nicht.“

Aber werden sie nicht selbst immer den Computer brauchen, das Auto? Sie wünschen sich noch mehr, Öko-Tourismus, eine Begegnungsstätte für Afrikaner und Europäer, am liebsten möchten sie die Kranken Europas hier heilen, der Zivilisation die Seele reinigen. Aber wie, grübeln sie, soll die Welt von ihnen erfahren, wenn sie doch auch die Abgeschiedenheit wollen, das autarke Leben. Wie kann man das Gute in die Welt tragen, wenn man sie verlässt?

Das ist ihr Zwiespalt, ein Naturvolk, das sich nicht entwickeln, sondern zurückentwickeln muss. Das nicht entdeckt, sondern schon alles weiß, dass verzichten muss, auch um den Preis der Langsamkeit, aber die Langsmkeit nicht gelernt hat.

Tamara sagt: „Die einzige Enttäuschung ist vielleicht, dass alles so lange dauert. Ich dachte, wir könnten noch schneller noch einfacher leben.“ 

Und so kämpft der Wille, die Welt zu verbessern, gegen die Sehnsucht, diese Welt zu verlassen. Das Ziel, konsequent ökologisch zu leben gegen das Ziel, spirituell zu leben. Arbeit gegen Besinnung. Und irgendwo dazwischen, wo Jürgen und Margot und Nadine und die anderen noch mit ihren letzten Kompromissen hadern, beginnen schon die neuen. Denn Naturvölker wissen nichts von der Welt.



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